Sa., 17. Juni bis So., 19. November 2023
Das Datum dieser Veranstaltung liegt in der Vergangenheit

DER VIEUX

Werke von HAP Grieshaber 1958–1964

In der Zeit der zunehmenden öffentlichen Anerkennungen HAP Grieshabers (1909–1981) wandte sich der Heidelberger Verleger Wolfgang Rothe (*1929) im September 1958 an den Künstler. Er bat Grieshaber um einen Beitrag für eine Graphikkollektion, die „den Schwerpunkt auf sogenannt ‚gegenständliche‘ oder figurative Künstler“ legte. Aus dieser Anfrage erwuchs eine rege Korrespondenz, die sich intensivierte als die Galeristin Maria Rothe die Organisation von Ausstellungen Grieshabers übernahm.


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Veranstaltungsort
Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus
Spendhausstraße 4
72764 Reutlingen
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Veranstalter
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Ausstellungsplakat Der Vieux. Gestaltung: Studio Pandan.

Die Jahre 1958 bis 1964 waren eine ereignisreiche und produktive Zeit für Grieshaber. In einem Brief am 31.12.1959 um 22 Uhr – kurz vor der Jahreswende – schrieb er Maria Rothe:

„Ich wünsche also, während die Böllerschüsse bereits krachen, ein elegantes Engagement für 1960. Bitte übernehmen Sie sich nicht! Der vieux ist ein leidensgeübter Odysseus, fast eine Schmerzmaschine, die Götter fassen bei ihm kräftig zu, man muss schon aufpassen, dass man nicht dazwischengerät. 1960, bleibe ich Achalm und bin immer für Sie zu sprechen, auf dass die schweren Dinge leicht werden!“ (HAP Grieshaber: Neckarabwärts. Briefe nach Heidelberg an Maria und Wolfgang Rothe 1958–1979, 2022, S. 21).

Die Entstehung des Farbholzschnitts Schwarzer Odysseus (1958, Edition Rothe 10) markiert den Anfang der Zusammenarbeit, die 1962 auf Wunsch des Künstlers endete und er die arbeitsintensive Ausstellungsorganisation in andere Hände übergab.

Die maschinengeschriebenen und handschriftlichen Briefe, häufig auch aufwändig gestaltete Malbriefe Grieshabers, geben nicht nur einen Einblick in den Arbeitsalltag des Künstlers, sie geben ebenso Hinweise auf kulturelle und gesellschaftliche Phänomene, die ihn beschäftigten und als Person prägten.

Die Ausstellung DER VIEUX geht den Hinweisen in den Briefen nach, indem hier erwähnte Werke des Künstlers in den Kontext seines umfangreichen künstlerischen Œuvres gesetzt werden. Der Zeithorizont der intensiven Zusammenarbeit zwischen Grieshaber und dem Ehepaar Rothe wird in der Auswahl der ausgestellten Werke um zwei Jahre verlängert und reicht damit in das Jahr 1964 – seiner dritten Teilnahme an der documenta in Kassel.
In diesen Zeitraum fällt Grieshabers Aufgabe der Professur an der Kunstakademie Karlsruhe 1960 aus Protest gegen die veraltete Prüfungsordnung, da von ihm betreute Schüler*innen das Zweite Staatsexamen mit der Begründung nicht bestanden, handwerklich ungenügend naturgetreu zu arbeiten. Endgültig auf die Achalm zurückgekehrt konzentrierte sich Grieshaber in der Folge neben der Erstellung von großformatigen Holzschnitten auf die Herausgabe von Mappenwerken, Holzschnittbüchern und die Zeitschrift Der Engel der Geschichte.

Im Februar 1961 wurde der Holzschnittzyklus Dem Feuervogel in der neueröffneten Galerie der Edition Rothe in Heidelberg-Neuenheim erstmals präsentiert, in dem Grieshaber – an der Komposition von Igor Strawinsky (1882–1971) orientiert – den Tanz thematisiert. Die Vorzeichnungen und Holzschnitte entstanden im Rahmen der Aufführung des Feuervogels an den Städtischen Bühnen in Heidelberg, für die Grieshaber die Kostüme und das Bühnenbild entwarf. 1962 gestaltete er in Zusammenarbeit mit Lehramtstudent*innen das Holzschnitt-Leporello Affen und Alphabete, das entfaltet eine Gesamtlänge von über 13 Metern aufweist. Im Jahr 1964 gab Grieshaber das biografisch motivierte Holzschnittbuch Osterritt heraus. Diese Holzschnittbücher und Mappenwerke werden zusammen mit Vorarbeiten und Maquetten ausgestellt, begleitet von den Briefen, die der Künstler an Maria und Wolfgang Rothe schrieb und komplettiert durch zahlreiche Holzschnitte der Jahre 1958 bis 1964, welche die figurative Bildwelt Grieshabers sowie seine Auseinandersetzung mit dem Stillleben wiedergeben. Besonders die beiden mit Hommage an (à) betitelten Werke in der Ausstellung zeigen, dass sich Grieshaber durchaus mit Künstlern der Moderne auseinandergesetzt und in Abgrenzung an ihnen seine eigene Bildsprache gefunden hat.

In der Briefkorrespondenz mit dem Ehepaar Rothe bezeichnete sich Grieshaber ironisch als der „vieux“, der Alte. Der durch die Zeitumstände erst spät und im fortgeschrittenen Alter anerkannte Grieshaber sah sich allerdings gar nicht als greiser Künstler, der dem Holzschnitt als einen vermeintlich veralteten Kunstmedium zugetan war:

„Jung muß man zum Drucken sein. Drucken ist ein Abenteuer. (…) Im Prozeß des Druckens, des Schneidens kann die Dynamik aus Gewaltsamkeit, Glück und Verzweiflung ausgelotet werden. Drucken ist eine Begegnung des Zufalls mit dem Sinnvollen. (…) Drucken ist stets eine junge Kunst gewesen. Laßt sie euch nicht stehlen!“
(HAP Grieshaber, Drucken ist ein Abenteuer, Göttingen 1987)

Kurator: Rainer Lawicki

RAHMENPROGRAMM

JUNI
Fr 16 19:00 Uhr ERÖFFNUNG
Di 20 17:00–18:30 Uhr PÄDAGOG*INNENFÜHRUNG
So 25 11:30-12:30 Uhr ÖFFENTLICHE FÜHRUNG

JULI
So 9 11:30-12:30 Uhr ÖFFENTLICHE FÜHRUNG
Mi 12 12:00–12:30 Uhr MITTAGSKUNST
Do 13 18:00–19:00 Uhr KURATORENFÜHRUNG

SEPTEMBER
Mi 13 12:00–12:30 Uhr MITTAGSKUNST
So 24 11:30-12:30 Uhr ÖFFENTLICHE FÜHRUNG

OKTOBER
Sa 21 19:00-20:00 Uhr VORTRAG Wolfgang Glöckner, Bonn
So 29 11:30-12:30 Uhr ÖFFENTLICHE FÜHRUNG

NOVEMBER
Do 16 19:00-20:00 Uhr VORTRAG Martina Köser-Rudolph, Reutlingen

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen entnehmen Sie bitte unserem Veranstaltungskalender.

EN version

When HAP Grieshaber (1909–1981) gained public recognition in the late 1950s, the Heidelberg based publisher Wolfgang Rothe (*1929) approached the artist in September 1958. He asked Grieshaber for a contribution to a graphic collection that "put the emphasis on 'representational' or 'figurative' artists". This inquiry resulted in a lively correspondence, which intensified when the gallery owner Maria Rothe took over the organization of Grieshaber's exhibitions.

The years 1958 to 1964 were eventful and productive for Grieshaber. In a letter on December 31, 1959 at 10 p.m. – shortly before the turn of the year – he wrote to Maria Rothe:

"So, while the gun salutes are already cracking, I wish you an elegant commitment to 1960. Please don't overdo it! The Vieux is an Odysseus trained in suffering, almost a pain machine, the gods take hold of him, you have to be careful not to get in the way. 1960, I remain [in] Achalm and am always available to speak to you, so that difficult things become easy!” (HAP Grieshaber: Down the Neckar. Letter to Heidelberg to Maria and Wolfgang Rothe 1958–1979, 2022, p. 21).

The colour woodcut Schwarzer Odysseus/Black Odysseus (1958, Edition Rothe 10) marks the beginning of the collaboration, which ended in 1962 at the artist's request as he handed over the labour-intensive organization of the exhibition to someone else.

Grieshaber's typewritten and handwritten letters, often also elaborately painted letters, not only provide an insight into the artist's everyday work, they also provide information on cultural and social phenomena that concerned him.

The exhibition DER VIEUX follows up on the clues in the letters by placing the artist's works mentioned here in the context of his extensive artistic oeuvre. The period for the selection of the exhibited works extends to 1964 exceeding the intensive collaboration between Grieshaber and the Rothe couple. 1964 was the artist’s third participation at documenta in Kassel. During this period, Grieshaber gave up the professorship at the Karlsruhe Art Academy in 1960 in protest against the outdated examination regulations, since the students he supervised failed the second state examination because their artisanship was insufficiently lifelike. Having finally returned to the Achalm, Grieshaber subsequently concentrated on the publication of woodcut series, woodcut books and the magazine Der Engel der Geschichte/The Angel of History in addition to the creation of large-format woodcuts.

In February 1961, the woodcut series Dem Feuervogel/To the Firebird was presented for the first time in the newly opened Rothe gallery in Heidelberg-Neuenheim, in which Grieshaber – based on the composition by Igor Stravinsky (1882–1971) – focused on dance. The preliminary sketches and woodcuts were created as part of the performance of the Firebird at Heidelberg Theatre, for which Grieshaber designe the costumes and stage. In 1962, in collaboration with art students, he designed the woodcut Leporello Monkeys and Alphabets, which when unfolded has a total length of over 13 meters. In 1964 Grieshaber published the biographically motivated woodcut book Osterritt/Easter Riding. These woodcut books and series are exhibited together with preparatory works and marquettes. The letters that the artist wrote to Maria and Wolfgang Rothe further accompany them. The exhibition is completed by numerous woodcuts from 1958 to 1964, reflecting Grieshaber's figurative imagery and his interest in still life. The two works in the exhibition entitled Homage to (à) in particular show that Grieshaber certainly dealt with modern artists and found his own visual language in contrast to them.

In the correspondence with the Rothe couple, Grieshaber ironically referred to himself as the “Vieux”, the old man. However, Grieshaber, whose oeuvre was recognized late and at an advanced age due to the circumstances of the time, did not see himself as an aged artist who was fond of woodcuts as a supposedly outdated art medium:

“You have to be young to print. Printing is an adventure. (...) In the process of printing and cutting, the dynamics of violence, happiness and despair can be explored. Printing is an encounter between chance and the meaningful. (...) Printing has always been a young art. Don't let them steal you!" (HAP Grieshaber, Drucken ist ein Abenteuer, Göttingen 1987)

Curator: Rainer Lawicki

Exhibition opening: Friday, June 16, 7 p.m.

For detailed information about the exhibition programme, please visit our calender.