So., 23. Oktober 2022 bis So., 5. Februar 2023
Das Datum dieser Veranstaltung liegt in der Vergangenheit

Mit Blick auf Adolf Hölzel. Figur und Abstraktion

Adolf Hölzel hat als Künstler und Theoretiker zahlreiche namhafte Künstler*innen beeinflusst und in ihrer Stilfindung gefördert. Besonders aber die intensive Farbigkeit und die kompositionelle Reduzierung von Figuren auf eine abstrahierte Formsprache zeichnen seine Werke in herausragender Weise aus.


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Veranstaltungsort
Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus
Spendhausstraße 4
72764 Reutlingen
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Veranstalter
Plakat Adolf Hölzel

Als Maler, Zeichner und Kunsttheoretiker hat sich Adolf Hölzel (1853–1934) mit künstlerischen Prozessen auseinandergesetzt. Er war von 1905 bis 1919 an der Stuttgarter Kunstakademie tätig und hat nicht nur hier zahlreiche Schüler*innen und Künstler*innen beeinflusst. Seine Lehre der bildnerischen Mittel und der Farbtheorie, die besondere Beachtung der im Kunstwerk liegenden elementaren Kräfte, waren für die Entwicklung der Moderne in Deutschland von Bedeutung.
Als Adolf Hölzel im November 1905 an die Königliche Akademie der bildenden Künste in Stuttgart berufen wurde, war das Professorenkollegium überzeugt, einen Dachauer Künstler gewonnen zu haben, der die tonige Malerei des 19. Jahrhunderts lehrt. Tatsächlich aber hatte Hölzel bereits zu diesem Zeitpunkt einen folgenreichen Schritt getan, der jenseits der naturalistischen Malerei eine zunehmende Abstraktion vom Gegenstand beinhaltete. In den folgenden Jahren versammelte Hölzel Schülerinnen und Schüler um sich, die in seiner Komponierklasse eine eigenständige Handschrift entwickeln konnten, geführt von seiner Lehre der bildnerischen Mittel. Willi Baumeister (1889–1955), der ab 1946 wiederum als Professor an der Stuttgarter Akademie lehrte, fasste den Unterricht als auch die angefeindete Position Hölzels an der Kunstakademie pointiert zusammen:
„Ein für die damalige Kunstakademie ganz seltener Fall trat ein: ein Pro­fessor entwickelte sich künstlerisch weiter. Er ging kühne Schritte vor­wärts. Alle Kunstbeamten und seine Professorenkollegen, besonders die Schlachtenmaler, muß ein Grauen erfaßt haben angesichts einer solchen gefährlichen Wandlung. Mit solcher Malerei wäre Hölzel niemals Professor geworden; aber er wurde der Exponent der Moderne für weitere Gebiete. Er hatte den Blick für das Künstlerische durch das Nichtakade­mische. Was ihm an revolutionären Kunsterzeugnissen bekannt wurde, griff er auf, er zeigte es seinen Schülern und untersuchte es auf Farbakkorde und verdeckte Konstruktionslinien. Die Grenzen der Kunst wurden durchbrochen, weite, freie Formen taten sich auf, jedoch ging es inner­halb Hölzels eigentlicher Lehre sehr maßvoll zu; nach Regeln mit Diago­nalen, Quadraten, Kreisen und dem Goldenen Schnitt.“ (Willi Baumeister, in: Der Tagesspiegel, Berlin, 26. Januar 1949)
Die Ausstellung Mit Blick auf Adolf Hölzel. Figur und Abstraktion greift auf den Sammlungsbestand des Kunstmuseum Reutlingen zurück. In die Sammlung eingebettet liegt eine Dauerleihgabe, die 2008 dem Museum übergeben wurde. Hölzels elf Werke auf Papier aus dieser Sammlung bilden die Basis der Ausstellung, um zwei Entwicklungslinien der Kunstgeschichte nachzuzeichnen, die von der auf die Figur basierenden gegenständlichen Kunst über die Abstraktion zur ungegenständlichen Kunst führen.
Eine dieser Entwicklungslinien zeigt mit Werken von Hölzels Schülerinnen und Schülern – Willi Baumeister, Adolf Fleischmann, Gottfried Graf, Ida Kerkovius und William Straube – eine Moderne, die sich vom schwäbischen Raum ausgehend entfaltete. Einzelne Schüler Hölzels formierten sich darüber hinaus zu der Künstlergruppe Üecht, die nach dem Ersten Weltkrieg von der Novemberrevolution 1918 beflügelt eine neue Kunst auf der Basis gesellschaftlicher Neuorientierungen suchte.
Die andere Entwicklungslinie nimmt ihren Ausgangspunkt von Münchner Künstlern, die den Almanach Der Blaue Reiter herausbrachten und führt über das Staatliche Bauhaus zu individuellen künstlerischen Positionen, die in einer ungegenständlichen Kunst kulminieren. Die hier aus der Sammlung des Kunstmuseums mit Blick auf Hölzel ausgewählten Künstler sind Josef Albers, Julius Bissier, Ernst Wilhelm Nay und Wassily Kandinsky.
Adolf Hölzel beendete im März 1919 seine Lehrtätigkeit an der Akademie, blieb aber bis zu seinem Tod 1934 in Stuttgart. Sein Werk geriet unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit und seine theoretischen Schriften wurden mitunter von denjenigen Wassily Kandinskys ab 1911 überstrahlt, obschon einzelne für die Moderne maßgebliche Ansätze in der Publikation Hölzels Über Formen und Massenvertheilung im Bilde bereits 1901 ausgesprochen wurden. Hölzels Werke zeichnen sich durch eine besondere Farbigkeit aus und basieren auf Kompositionsschemata, die aufgrund ihrer allgemeinen Bedeutung auch für die moderne Kunst nach dem Kriegsende 1945 wichtig sind.

Kurator der Ausstellung: Rainer Lawicki

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EN version

As an artist and theoretician, Adolf Hölzel influenced numerous well-known artists and encouraged them to find their own style. The intense colors and the compositional reduction of figures to an abstract language characterize his works in an outstanding way. His teaching of artistic means and color theory, his special attention to the elementary forces inherent in the work of art, were important for the development of modernism in Germany.
As painter, draftsman and art theorist, Adolf Hölzel (1853–1934) dealt with artistic processes. He was professor at the Stuttgart Academy of Art from 1905 to 1919 and influenced numerous students and artists here. His teaching of artistic means and color theory, his special attention to the elementary forces inherent in the work of art, were important for the development of modernism in Germany.
When Adolf Hölzel was appointed to the Royal Academy of Fine Arts in Stuttgart in November 1905, the professors were convinced that they had found an artist from Dachau who taught the colored tone painting of the 19th century. In fact, however, Hölzel had already taken a far-reaching step at this point, which included an increasing abstraction from the object beyond naturalistic painting. In the years that followed, Hölzel gathered students around him who were able to develop their own style in his composition class, guided by his teaching of artistic means. Willi Baumeister (1889–1955), who in turn taught as a professor at the Stuttgart Academy of Art from 1946, summed up Hölzel’s teaching and hostile position at the art academy in a pointed manner:
“A very rare case for the art academy of the time occurred: a professor continued to develop artistically. He took bold steps forward. All the art officials and his fellow professors, especially the battle painters, must have been horrified at such a dangerous change. Hölzel would never have become a professor with such painting; but he became the exponent of modernism for wider areas. He had an eye for the artistic through the non-academic. He took up what became known to him about revolutionary art products, he showed them to his students and examined them for color chords and hidden construction lines. The boundaries of art were broken through, wide, free forms opened up, but within Hölzel's actual teaching it was very measured; according to rules with diagonals, squares, circles and the golden section.” (Willi Baumeister, in: Der Tagesspiegel, Berlin, January 26, 1949)
The exhibition Mit Blick auf Adolf Hölzel. Figur und Abstraktion (With a View to Adolf Hölzel. Figure and Abstraction) draws on the collection of the Kunstmuseum Reutlingen. Embedded in the collection is a permanent loan that was handed over to the museum in 2008. Hölzel's eleven works on paper from this collection form the basis of the exhibition in order to trace two lines of development in art history, which lead from figure-based representational art to abstraction and non-representational art.
One of these lines of development shows with works by Hölzel's students - Willi Baumeister, Adolf Fleischmann, Gottfried Graf, Ida Kerkovius and William Straube - a modern style that developed from the Swabian region. Several students of Hölzel also formed the artist group Üecht, which after the First World War, inspired by the November Revolution of 1918, was looking for a new art based on social reorientation.
The other line of development takes its starting point from Munich artists who published the almanac Der Blaue Reiter and leads via the Bauhaus to individual artistic positions that culminate in non-representational art. The artists selected here from the museum's collection with a view to Hölzel are Josef Albers, Julius Bissier, Ernst Wilhelm Nay and Wassily Kandinsky.
Adolf Hölzel ended his teaching at the Academy in March 1919, but remained in Stuttgart until his death in 1934. His work fell into oblivion immediately after the Second World War and his theoretical writings were sometimes outshined by those of Wassily Kandinsky from 1911 onwards, although individual approaches that were decisive for modernism were expressed in Hölzel's publication Über Formen und Massenvertheilung im Bilde as early as 1901. Hölzel's works are characterized by a special use of color and are based on compositional schemes that are also important for modern art after the end of the war in 1945 due to their general significance.

Curator: Rainer Lawicki

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