Sa, 26. Februar bis So, 28. August 2022

Vom Verrinnen

Zeitkonzepte der Gegenwartskunst

Mit der Zeit hat sich die Kunst schon immer befasst. Im 21. Jahrhundert scheint es ihr dabei allerdings weniger um Bilder zukünftiger Beschleunigungen als um Entwürfe zur Langsamkeit, Dehnung, Wiederholung und zum Stillstand von Zeit zu gehen. Die in der Ausstellung Vom Verrinnen. Zeitkonzepte der Gegenwartskunst präsentierten Werke von 13 internationalen Künstler*innen schärfen das Bewusstsein dafür und machen das Verrinnen erlebbar.


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Veranstaltungsort
Kunstmuseum Reutlingen | konkret
Eberhardstraße 14
Wandel-Hallen
72764 Reutlingen
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Veranstalter
Manuela Kasemir, Afraid of Death (2013).

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Kein Konzept prägt unseren Alltag so sehr wie dasjenige der Zeit: Wir benötigen sie zur Selbstverortung und für jeden Planungsprozess. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte wurde Zeit als so wertvoll erachtet und stand die Qualität, wie sie verbracht wird, derart im Fokus ökonomischer Erfassung und sozialer Bewertung wie heute. Dabei ist Zeit an sich nicht wahrnehmbar, sondern kann lediglich als Verhältnis zwischen dem Jetzt, dem Vorher und dem Nachher betrachtet werden. Zwar ist ihr Verlauf objektiv messbar, ihr Erleben hingegen hängt von individuellen Erwartungen, Wahrnehmungen und Erinnerungen ab. Zeit verrinnt ohne Absicht und Plan und führt dabei alles unabwendbar in den Zustand des Vergangen-Seins. Es ist die Vergangenheit – nicht die Zukunft – die vor uns liegt, als Haufen von Relikten und Spuren der Menschheit. Heute sammelt sich festgehaltene Vergangenheit in scheinbar ort- und zeitlosen digitalen Datenbanken und auch Kunstwerke sind in Form von Fotos oder Videos mobil geworden und rund um die Uhr abrufbar.

Mit der Zeit hat sich die Kunst schon immer befasst. Im 21. Jahrhundert scheint es ihr dabei allerdings weniger um Bilder zukünftiger Beschleunigungen als um Entwürfe zur Langsamkeit, Dehnung, Wiederholung und zum Stillstand von Zeit zu gehen. Die in der Ausstellung Vom Verrinnen. Zeitkonzepte der Gegenwartskunst im Kunstmuseum Reutlingen | konkret präsentierten Werke von 13 internationalen Künstler*innen schärfen das Bewusstsein dafür und machen das Verrinnen erlebbar. So gewähren einige Werke Einblicke in ihren eigenen Entstehungsprozess, andere thematisieren kinetische oder zeitbasierte Prozesse aus Licht, Ton, Gravitation und anderen physikalischen Phänomenen. Manche der beteiligten Künstler*innen untersuchen, auf welche Weise fotografische Aufnahmen vergangene Einzigartigkeit wiederaufleben lassen können und welche Rolle dabei erinnerte Bilder spielen. Andere setzten sich mit der Angst vor dem Tod auseinander oder thematisieren Gegensätze zwischen Jugend und Alter. Ganz konkret wahrnehmbar wird das Verrinnen der Zeit, wo tageszeitlich veränderte Licht- und Farbwirkungen in der Natur festgehalten werden. Anstatt also den Widerspruch zwischen normativer Zeit und erlebter Zeitlichkeit auflösen zu wollen, scheinen die ausgewählten Künstler*innen eher einem philosophischen Diktum von Gilles Deleuze zu folgen: Als stets im Werden befindliche Individuen können Menschen mit den Bedingungen ihres Lebens und Daseins nur dann experimentieren, wenn sie den Fluss der Zeit erkennen.

Künstler*innen:
Bernard Aubertin (FR, 1934-2015)
Inge Dick (AT, *1941, Innerschwand am Mondsee)
Rom Gaastra (NL, *1952, Amstelveen)
Gosbert Gottmann (DE, *1955, Frankfurt a. M.)
Tommi Grönlund & Petteri Nisunen (FI, *1967 & 1962, Helsinki)
Manuela Kasemir (DE, *1981, Leipzig)
Timo Klos (DE, *1983, Schwerte)
Dimitry Orlac (YU/FR, *1956, Paris)
George Rickey (US, 1907-2002)
Patrik Söderlund & Visa Suonpää (FI, *1974 & 1968, Turku)
John Woodman (UK, *1948, Eden Valley, Cumbria)

Kurator: Holger Kube Ventura

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im DCV-Verlag, 26 x 19 cm, Deutsch/Englisch, ca. 208 S., ca. 120 Abb., Texte: Holger Kube Ventura.

Eröffnung: Freitag, 25. Februar 2022, 19 Uhr
Presserundgang: Donnerstag, 24. Februar 2022, 11 Uhr

EN
Past – Present – Future. No concept shapes our daily lives as much as that of time. We require time to localize ourselves and to plan ahead. Time is not perceptible in and of itself, but we experience it in relation to the now, to what was before and what came after. The passage of time is objectively measurable. Its experience, on the other hand, depends on individual expectations, perceptions, and memories. Nowadays the captured past is collected digitally and in seemingly placeless and timeless databases. Our fast-paced reality is also mirrored in the visual representations of art that became mobile.

Time has always been a subject that art has dealt with. In the 21st century this appears to be less about images of future accelerations, but concerning designs on slowness, elongation, repetition and stand still. The works by 13 international artists in the exhibition On Trickling Away. Concepts of Time in Contemporary Art hone in on these ideas and make the passing of time tangible. Instead of attempting to dissolve the paradox between normative time and lived temporality, the selected artists appear to follow Gilles Deleuze’s philosophical dictum: People – as continuously becoming individuals - can experiment with the conditions of life and existence only when they recognise the flow of time.

artists:
Bernard Aubertin (FR, 1934-2015)
Inge Dick (AT, *1941, Innerschwand am Mondsee)
Rom Gaastra (NL, *1952, Amstelveen)
Gosbert Gottmann (DE, *1955, Frankfurt a. M.)
Tommi Grönlund & Petteri Nisunen (FI, *1967 & 1962, Helsinki)
Manuela Kasemir (DE, *1981, Leipzig)
Timo Klos (DE, *1983, Schwerte)
Dimitry Orlac (YU/FR, *1956, Paris)
George Rickey (US, 1907-2002)
Patrik Söderlund & Visa Suonpää (FI, *1974 & 1968, Turku)
John Woodman (UK, *1948, Eden Valley, Cumbria)

curator: Holger Kube Ventura

accompanying catalogue, DCV-Verlag, 26 x 19 cm, German/English, ca. 208 pages., ca. 120 illustrations, text: Holger Kube Ventura.

Opening: Friday, 25 February 2022, 7 p.m.
Press tour: Thursday, 24 Feburary 2022, 11 a.m.