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„Versuch mit Bohnen“ von G.I. Widmann findet neuen dauerhaften Platz im Reutlinger Rathaus

„Versuch mit Bohnen“ von G.I. Widmann findet neuen dauerhaften Platz im Reutlinger Rathaus


Am Freitag, 30. Juli 2021 fand die feierliche Übergabe von Gudrun Irene Widmanns Gemälde Versuch mit Bohnen durch David Gaiser, dem Sohn der Künstlerin, an die Stadt Reutlingen im kleinen Sitzungssaal in Anwesenheit von OB Thomas Keck und der Museumsleiterin Dr. Ina Dinter statt.

Die Stadt Reutlingen ist hoch erfreut, mit dem Gemälde Versuch mit Bohnen von Gudrun Irene Widmann eine Dauerleihgabe aus Privatbesitz zu erhalten, die die Städtische Kunstsammlung nicht nur erweitert, sondern auch die Kunst im öffentlichen Raum ein Stück reicher macht. Mit HAP Grieshaber und Winand Victor sind in den Sitzungssälen im Reutlinger Ratsgebäude bereits wichtige Reutlinger Künstler mit bedeutenden Werken vertreten. Das Stillleben von G.I. Widmann, das seinen neuen dauerhaften Platz im Kleinen Sitzungssaal gefunden hat, ergänzt diese Werke und steht nicht zuletzt sinnbildlich für die Rolle der Frau als Künstlerin in der Nachkriegsmoderne.

Farbige Rechtecke in Blau-, Weiß- und Ockertönen dominieren Gudrun Irene Widmanns Stillleben Versuch mit Bohnen (1953). Organische Formen durchbrechen diese tektonisch strenge Komposition und Farbakzente aus Rotorange und Grün ziehen den Blick auf sich. Erst bei näherer Betrachtung und mit dem Wissen um den Titel können diese als Bohnen identifiziert werden; so sehr überspielt hier die Künstlerin die Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die beiden Vasen und einige der Bohnen scheinen mit dem Hintergrund verwachsen zu sein und nur eine schwarze Umrandung oder Farbe setzt sie von dem gleichfarbigen Hintergrund ab. Das Changieren zwischen Aufsicht und Seitenansicht irritiert zwar das an eine Zentralperspektive gewöhnte Auge, doch verleiht es dem Motiv auch einen Bewegungsmoment, der klassischen Stillleben nur selten innewohnt. Der lebendige Rhythmus, der hier zum einen aus der Verteilung der Gegenstände auf der tischartigen Fläche und zum anderen aus dem auffälligen Pinselduktus entsteht, bestimmt das Bild. Obwohl es durch die „geschrubbte“ Malweise unvollendet anmutet, ist es in seiner Komposition, seinen Farbklängen und der Hell-Dunkel-Verteilung höchst sensibel und spannungsvoll austariert.

Widmanns Stillleben weist eine eingehende Beschäftigung mit der Moderne auf. Durch vielseitige Stationen künstlerischer Bildung wie der Kunstgewerbeschule in Stuttgart, der Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg, einer von Werner Peiner neu gegründeten Landakademie, als Privatstudentin von Paul Kälberer, der ihr zu einer inoffiziellen Aufnahme an der Kunstakademie Stuttgart verhalf und zuletzt als Meisterschülerin an der Akademie der Bildenden Künste in Wien erhielt sie viele Anregungen und Impulse. Trotz oder gerade durch diese unterschiedlichen Einflüsse erarbeitete sich Widmann einen eigenen souveränen Stil, für den sie viel Mut und Widerstandskraft aufgebracht hat. Vor allem in der NS-Zeit hatte sie mit großen Restriktionen zu kämpfen: nachdem sie die Schule von Werner Peiner verlassen wollte, wurde ihr die Aufnahme in die Reichskulturkammer verwehrt, was einem Berufsverbot gleichkam. Trotz unzureichender Anerkennung arbeitete Widmann zeitlebens unermüdlich und ehrgeizig, machte sich frei von ihrer in der NS-Zeit erworbenen akademischen Ausbildung und ging in ihrer Malerei einen eigenen, selbstbewussten Weg.

Ihr Versuch mit Bohnen zeigt nicht nur eine Vorliebe für klassische Sujets, sondern weist auch darüber hinaus. Die Grenze zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit verschwimmt und eröffnet eine Art Assoziationsraum, in dem die Objekte ihrer ursprünglichen Funktion enthoben werden und mehr wie Stellvertreter von menschlichen Beziehungsgeflechten auf einer Bühne des Lebens fungieren.

Das Werk der Malerin weckt vor allem eins: Neugierde. Die unterschiedlichen Sichtachsen, die Anordnung der Objekte im Raum und die kräftige pastose Malerei laden dazu ein, sich näher mit dem Bild zu befassen und hinter die Kulissen zu schauen. Wir sind deshalb sehr glücklich, dass das Stillleben seinen neuen dauerhaften Platz hier im Ratsgebäude findet und die Öffentlichkeit zur Betrachtung und zum Nachsinnen einlädt.

Gudrun Irene Widmann zählt zu den wichtigsten regionalen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, ist aber in der Städtischen Kunstsammlung im Vergleich zu einigen ihrer männlichen Kollegen nur mit wenigen Arbeiten vertreten. Sie hatte sich in regelmäßigen Abständen um Ankäufe der Stadt bemüht, wurde jedoch oft abgewiesen und hatte mit ihrer Stellung als Frau im Kunstbetrieb, als alleinerziehende Mutter und als Ehefrau eines bekannten Schriftstellers immer wieder mit Hürden zu kämpfen.

Somit ist es sehr erfreulich, dass ihr Gemälde Versuch mit Bohnen in der direkten Nähe bedeutender Werke ihrer männlichen Kollegen HAP Grieshaber und Wienand Victor im Rathaus hängt. Das Kunstmuseum Reutlingen ehrte Widmann 2018 mit einer Retrospektive zum 100-Jährigen Geburtstag im Spendhaus und bemüht sich weiterhin ihre Position ins verdiente Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Der dauerhafte Platz im kleinen Sitzungssaal ist eine wunderbare Gelegenheit diesem Anliegen zu entsprechen.

Aktuell sind in der Ausstellung Ins Licht. Highlights der Gemäldesammlung im Spendhaus zwei weitere ihrer Werke zu sehen, unter anderem ein Selbstbildnis, das sie als selbstbewusste Frau zeigt, die ihre Rolle als Künstlerin, Mutter und allgemein als Frau in der Gesellschaft reflektiert.

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Redakteur / Urheber
Kunstmuseum Reutlingen